Kirchmöser und sein Zuckerhut

Im Schatten zweier Weltkriege entwickelte sich der Brandenburger Ortsteil Kirchmöser zu einem Industrierevier. Straßen- und Haltestellennamen wie Weichenwerk, Am Lokwerk und Am Gleisdreieck sind Zeugen der Geschichte – genau wie eine ungewöhnliche Konstruktion aus Beton.

Lesezeit: 3 Min.

Bei einem Spaziergang entlang des Industrielehrpfades in Kirchmöser kann man an der Ecke Falkenstraße/Unter den Platanen ein seltsames Beton-Konstrukt entdecken: Ohne Fenster, spitz nach oben zulaufend und über zwei Türen zugänglich. Der Bau wirkt wenig einladend und automatisch drängt sich die Frage auf, welchen Zweck er hat. Der Grund für das Äußere ist simpel und liegt viele Jahrzehnte zurück. Das Gebäude ist ein sogenannter Winkelbunker, der zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im Volksmund auch „Betonzigarre“ oder „Zuckerhut“ genannt wurde.

 

 
Oberirdischer Schutz vor Bomben
 

Diese Konstruktion, 1934 von Leo Winkel entwickelt, mit dem steil abfallenden Dach war ein Bunker, der sich im Gegensatz zu den meisten anderen solcher Anlagen zum größten Teil über der Erde befindet. Die ungewöhnliche Form sollte eine geringe Angriffsfläche für Bomben bieten und bei einem Treffer für ein Abgleiten ohne Explosion sorgen.

 

Der Winkelbunker in Kirchmöser wurde 1939 fertig gestellt. Er bot mit seinen fünf Etagen auf 15 Metern Höhe Schutz für insgesamt 168 Personen, hauptsächlich Beschäftigte der Industrie- und Militärverwaltung des Brandenburger Ortsteils.  

Die Eingangstür des Winkelbunkers.

Die Eingangstür des Winkelbunkers.

Der zweite Eingang liegt erhöht. Eine Metallleiter erleichtert den Auf- und Einstieg.

Der zweite Eingang liegt erhöht. Eine Metallleiter erleichtert den Auf- und Einstieg.

Der Bunker hat eine Wandstärke von 1,85 Metern.

Der Bunker hat eine Wandstärke von 1,85 Metern.

Im Industriegebiet von Kirchmöser gelegen bot der Bunker in vergangenen Zeiten einen sicheren Unterschlupf.

Im Industriegebiet von Kirchmöser gelegen bot der Bunker in vergangenen Zeiten einen sicheren Unterschlupf.

Modernste Technik in Rekordzeit
 

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Kirchmöser zu einem wichtigen Industriestandort. Auf einem 550 Hektar großen Areal entstanden rund 400 repräsentative Gebäude in charakteristischer roter Klinkerbauweise. Sie gehörten zur 1915 erbauten Königlich-Preußischen Pulverfabrik. Nach Ende des Ersten Weltkrieges erwarb die Reichseisenbahnverwaltung das Areal. Zwischen 1922 und 1926 wurde die ehemalige Pulverfabrik zu einem der modernsten Eisenbahnwerke Europas umgebaut und erweitert. Das Werk mit seinen bis zu 2.500 Beschäftigten produzierte so gut wie alles, was für den Bahnbetrieb benötigt wurde – selbst Fahrkartenlochzangen und Schaffnerhandlaternen.

 

Bis 1942 wurde der Betrieb im „Eisenbahnwerk Brandenburg-West“ auf die Wartung und Instandsetzung von Lokomotiven sowie Waggons der Reichsbahn umgestellt. Noch im selben Jahr erlebte das Ausbesserungswerk gewaltigere Änderungen: Das Lokwerk wurde demontiert und die verbliebenen Anlagen von der „Brandenburger Eisenwerke GmbH“ übernommen. Ab sofort wurden Panzerteile und Panzer für den Zweiten Weltkrieg durch Kriegsgefangene und Fremdarbeiter gefertigt. Ihnen war das Betreten der Schutzräume des Winkelbunkers allerdings verboten. 

 

 

Eigenwillig, aber erfolgreich
 

Etwa 200 Arbeiter-Schutzräume in Winkelbauweise wurden im Laufe des Zweiten Weltkriegs in Deutschland errichtet, zehn davon im Land Brandenburg. Die eigenwillige Konstruktion erwies sich als erfolgreich. Es ist nur ein Treffer bekannt, der einen solchen Turm zerstörte: 1944 forderte eine amerikanische Sprengbombe fünf Todesopfer, als Arbeiter einer Flugzeugfabrik in einem Winkelbunker in Bremen Hemelingen Schutz suchten.   

 

Kirchmöser hingegen hatte Glück – hier musste der „Zuckerhut“ selten aufgesucht werden. Gegen Ende des Krieges attackierten lediglich kleinere Flugzeuge den Brandenburger Ortsteil, der ansonsten von großen Bombardements verschont blieb. Der Winkelbunker strotzte nicht nur dem Krieg, sondern auch den Jahrzehnten. Einmal jährlich öffnet das denkmalgeschützte Bauwerk derzeit seine Türen. Dann können Geschichtsinteressierte das skurrile Gebäude beim Tag des offenen Denkmals erkunden.