Bert Grabsch zeigt auf ein Bild aus vergangenen Zeiten

04.03.2019

 

Was mir fehlt, ist ein schönes Café

Bert Grabsch

Wenn man Bert Grabsch nicht in der Stadt sieht, dann nur, weil er zu schnell für das Auge ist, wenn er auf dem Fahrrad vorbeirauscht. Der 44-Jährige ist Radrennweltmeister im Einzelzeitfahren. 2017 zog er mit seiner Familie aus der Schweiz in die Brandenburger Innenstadt – auf Umwegen.

 

 

Herr Grabsch, Weltmeister in der Stadt Brandenburg zu haben ist uns dank Birgit Fischer nicht ganz fremd – die ist allerdings hier geboren. Sie sind in einem kleinen Ort bei Lutherstadt Wittenberg aufgewachsen. Was hat Sie hierher verschlagen?

Ganz ehrlich: Das war Zufall. Ich hatte 2013 meine Karriere als Radsportprofi beendet, mein Marketingstudium abgeschlossen und war auf der Suche nach einem Radsportgeschäft, das ich übernehmen kann – das war schon immer mein Traum. Ein Bekannter wusste, dass Ronald Bertz, der vorherige Inhaber meines Ladens in der Brielower Straße, einen Nachfolger sucht. Also bin ich nach Brandenburg gefahren und habe mir das angeschaut.

 

Was war Ihr erster Eindruck von der Stadt?

Loriots Waldmöpse sind mir sofort ins Auge gesprungen – unter anderem (lacht). Am meisten aufgefallen ist mir aber das viele Wasser. Das war auch einer der Gründe, warum wir uns für die Stadt entschieden haben. Ich wollte immer nahe am Wasser oder nahe der Berge wohnen – und hier war es eben das Wasser. Mir gefällt aber auch das Stadtbild mit den vielen Kirchtürmen.

Bert Grabsch sitzend am Salhofufer in der Stadt Brandenburg
Mit dem Fahrrad durch die Innenstadt von Brandenburg
Logo Radsport Bert Brandenburg an der Havel
Radsport Bert Fahrradhandel in Brandenburg an der Havel
Waldmops Brandenburg an der Havel

Gibt es etwas, das Sie überrascht hat?

Dass hier wirklich etwas los ist auf der Straße, es viele Geschäfte gibt, alltägliches Gewusel – viel mehr als in anderen ostdeutschen Städten dieser Größenordnung. Das hat uns gefallen.

 

Die vergangenen 14 Jahre haben Sie in der Schweiz gelebt. Was war dort anders als hier?

Dass man sich duzt – auf der Straße, unter Kollegen, den Chef, sogar im Bewerbungsgespräch. Darum habe ich meinen Laden auch „Radsport Bert“ und nicht „Radsport Grabsch“ genannt. In Brandenburg an der Havel tut man sich damit schwer. Aber zu mir kann man auch Bert sagen.

 

Ok, Bert. DU bist 2017 mit deiner Frau und deinen Töchtern – sieben und 15 Jahre alt – nach Brandenburg gezogen. Wie war euer Ankommen hier?

Die Kinder sind gut in der Schule angekommen, die Große geht viel reiten. Nur eine passende Wohnung zu finden war nicht ganz einfach – es hat eine Weile gedauert, bis wir etwas gefunden hatten, das zu uns passte. Und meine Frau arbeitet vorerst weiterhin in der Schweiz im Versicherungswesen.

 

Weil sie hier keine Arbeit gefunden hat?

Weil ihr Schweizer Studienabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird. Darum pendelt sie jede Woche – Montagabend hin, Donnerstagabend zurück – und macht nebenbei noch einmal einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre hier an der Technischen Hochschule Brandenburg. Mittelfristig hoffen wir natürlich, dass sie hier in Brandenburg arbeiten kann – oder in Potsdam oder Berlin. Die Verkehrsanbindung ist ja zum Glück wirklich gut.

 

Fühlt ihr euch trotzdem wohl?

Sehr. Die Stadt ist wirklich wunderschön und toll gelegen – in Sachen Sauberkeit muss hier allerdings noch einiges passieren. Mich stört, dass manche Leute den Müll einfach neben statt in den Papierkorb schmeißen, sich überhaupt keine Platte machen. Das würde man sich in der Schweiz gar nicht trauen – oder in Singapur, wo es schon eine Straftat ist, einen Kaugummi auf die Straße zu spucken. Auch Graffiti ist ein Thema: Es gibt hier tolle Graffitikunst, aber gegen Gekrakel müsste die Stadt härter vorgehen. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Stadt für Radfahrer sicherer gemacht wird. Brandenburg an der Havel ist eine Radfahrstadt – aber in der Stein- und Hauptstraße gibt es beispielsweise keine Fahrradwege. Ich denke, wenn die Stadt ehrlich zu sich ist, weiß sie, dass es an einigen Stellen Verbesserungsbedarf gibt.

 

 

Hast du als Weltmeister, als öffentliche Person einen Draht zur Stadtpolitik?

Nicht wirklich. Das ist insofern gut, als dass wir nicht im Rampenlicht stehen und ein friedliches Leben führen können. Andererseits: Ein (weiterer) Weltmeister – das könnte sich die Stadt ja durchaus zunutze machen. Aber vor allem bin ich ja hergekommen, um eine neue berufliche Perspektive für mich aufzubauen.

 

Du bist hier in den Brandenburger SC Süd 05 eingetreten. Hast du doch noch Ambitionen im Radsport?

Nein, ich unterstütze den Verein nur als zahlendes Mitglied. Nach meinem Karriereende habe ich mir geschworen, nie wieder Radrennen zu fahren. Ich habe nicht mehr die Form und die Zeit dafür, möchte mich nicht mehr darin messen. Ich stecke meine ganze Energie in den Laden. Nur die Markgrafentour „Rund um Lehnin“ fahre ich aus Spaß immer noch mit. Sonst gehe ich in meiner Freizeit eher laufen.

 

Du hast das Radsportgeschäft Bertz – heute „Radsport Bert“ – zum 1. Januar 2018 übernommen. Wie haben eure Kunden die Veränderung aufgenommen?

Ich bin zufrieden. Die Brandenburger haben mich mittlerweile angenommen – auch wenn der Anfang etwas holprig war. Wir haben ja umgebaut, alles etwas heller gestaltet, ein neues Logo zum neuen Namen gemacht – da mussten sich die Leute erst einmal dran gewöhnen.

 

Auf deiner Website heißt es: „mit seinen zwei Töchtern und seiner Frau unternimmt er gern Tagestouren in der herausragenden Landschaft im Havelland“. Was gefällt dir an der Gegend?

Wie gesagt: das Wasser und natürlich auch die Radwege. Ich fahre zum Beispiel gern die Beetzseerunde, durch den Fläming oder auch einfach an der Havel entlang. Am Wochenende radeln wir manchmal Richtung Wilhelmsdorf und Kirchmöser, zum Breitlingsee. Oder Richtung Päwesin – da gibt es den besten Kuchen. So guten Kuchen habe ich seit zehn Jahren nicht gegessen. Da fahre ich manchmal auch einfach mit dem Auto hin (lacht).

 

Deinen Urlaub verbringst du aber gern in Südtirol. Fehlt dir hier etwas?

Grundsätzlich nichts. Aber im Urlaub fahre ich zur Abwechslung gern auch mal mit dem Mountainbike durch die Berge – ich habe ja lange in der Schweiz gelebt, das hat wohl Spuren hinterlassen.

 

Wo trifft man dich, wenn du nicht in deinem Laden bist?

Meistens direkt am Wasser – an der Jahrtausendbrücke zum Beispiel. Ich schlendere gern an der Havel entlang, trinke Kaffee. Wobei mir ein gemütliches Café, in dem man verweilen kann, hier wirklich fehlt. Die Cafébar ist sehr schön – mit den wenigen Sitzmöglichkeiten drinnen aber eher eine Schönwetter-Variante.

 

Wie wird sich Brandenburg an der Havel in den kommenden Jahren entwickeln?

Da bin ich positiv gestimmt: Es gibt hier traditionell viele große Unternehmen, viele Menschen ziehen zu, bringen Ideen und Geschäftssinn mit. Das bedeutet aber auch, dass mit der Nachfrage die Mieten steigen – dennoch ist Wohnraum hier noch immer deutlich günstiger als in Berlin.

 

Was würdest du der Stadt empfehlen?

Weitermachen, die Stadt wachsen lassen – aber mehr auf die Kritik eingehen!

 

Wenn du dir etwas für Brandenburg an der Havel wünschen dürftest, das sofort in Erfüllung ginge: Was wäre es?

Eine Reinigungsfirma, die die Stadt jeden Tag von vorn bis hinten saubermacht. Noch besser: Dass jeder Einzelne mit darauf achtet.

 

radsport-bert.de

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