02.05.2019

 

Niemand hält uns davon ab, selbstbewusst zu sein

Jean Wiersch

Von Havelwasser bis Havelreime: Sieben Kriminalromane hat Jean Wiersch rund um Brandenburg an der Havel geschrieben und die Stadt damit zu einem bundesweit bekannten literarischen Schauplatz gemacht. Dabei lebt der Polizeibeamte und Schriftsteller selbst seit einigen Jahren auf dem Land.

 

 

Jean, der Protagonist deiner Kriminalromane, der Ermittler Andrea Manzetti, ist halb Italiener, halb Deutscher und lebt und arbeitet in Brandenburg an der Havel. Warum diese Konstellation?
Ich bin früher, als ich bei der Marine war, viel gereist, und habe immer Menschen bewundert, die mehreren Kulturen anhängen, mehrere Sprachen sprechen – nicht nur als Urlauber, sondern so richtig. Sie haben einen anderen Blick auf die Dinge. Darum wollte ich, dass auch Manzetti in zwei Kulturen denkt, eine andere Sicht hat auf die Stadt Brandenburg, den Ort, an dem die Geschichte spielt. Ich selbst bin in Grüningen bei Brandenburg an der Havel aufgewachsen. Urlaub machen wir gern in Italien. Und weil man am besten über das schreibt, was man kennt, ist Manzetti eben halb Brandenburger, halb Italiener.

 

Wo fühlt sich Manzetti eher zu Hause?
Zur Hälfte in Brandenburg an der Havel, zur Hälfte in Italien.

 

Und du?
Schon hier – weil hier die Menschen sind, ohne die ich nicht leben will, vor allem unsere Kinder. Im Ruhestand wollen meine Frau und ich allerdings in unsere Wahlheimat nach Südtirol auswandern – so zumindest bisher der Plan. Wir haben uns im Urlaub einfach in diese Region verliebt und verbringen dort schon jetzt viel Zeit. Aber seit meine Enkeltochter geboren ist, überlege ich, ob wir vielleicht doch nur den Winter in Südtirol verbringen und im Sommer hier leben.

Was hat Südtirol, was Brandenburg an der Havel nicht hat?
Zum Beispiel, dass in Südtirol bei Festen immer alle an einem Tisch sitzen – vom Professor bis zum Sozialhilfeempfänger. Das würde ich mir auch für uns hier wünschen, dass wir ein bisschen lockerer werden und uns beispielsweise im Restaurant einfach mit an einen halb vollen Tisch setzen, statt zu gehen, weil kein Einzeltisch mehr frei ist.
 Außerdem gehen die Leute in Südtirol ein bisschen respektvoller miteinander um – ich finde, da haben wir noch ein wenig Nachholbedarf. Ich verarbeite das auch in meinen Büchern: Es gibt in jedem Roman etwas, das Manzetti stört – und wenn ein junger Bengel eine alte Dame schlimm beleidigt, dann verteilt der Ermittler mit dem italienischen Halbnaturell auch schon einmal eine Ohrfeige. Das würde ich selbst im wirklichen Leben natürlich nicht tun. Aber interessanterweise kommen bei meinen Signierstunden in der Stadt immer wieder Menschen auf mich zu und sagen: Ja, das stört mich auch schon lange.

 

Und dann?
Ich kann nicht mehr tun, als das aufzuschreiben – meine Krimis sind und bleiben Unterhaltungsliteratur. Aber ich glaube, dass die Stadt Brandenburg noch viel Potenzial hat.

 

Was bedeutet Heimat für dich?
Neben dem, was man schön findet, machen für mich vor allem die Beziehungen, die ich zu den Menschen an einem Ort habe, Heimat aus. Aber das muss man leben – Heimat muss man leben.

 

Du hast zwischenzeitlich fast 20 Jahre lang in Brandenburg an der Havel gelebt. Warum bist du aus der Stadt nach Ketzür gezogen?
Meine Frau, eine gebürtige Brandenburgerin, wäre gern in der Stadt geblieben – sie hat sich dort wohlgefühlt. Aber ich bin mit einem Leben auf dem Land sozialisiert worden – in einem Dorf mit 250 Einwohnern, wo jeder jeden kennt, mit Haus und Garten mitten in der Natur. Danach habe ich mich wieder gesehnt. Dass es Ketzür wurde, war eher Zufall. Es passte einfach – inklusive Umfeld und Infrastruktur. Wir brauchen beispielsweise keine Kita mehr, unsere Kinder sind groß.

 

Das heißt, die Stadt Brandenburg ist dir zu groß?
Wahrscheinlich wäre mir jeder Ort, der mehr als 250 Einwohner hat, zu groß. Hier in unserem Haus in Ketzür kann ich mich in den Garten setzen, in die Luft gucken und drei Stunden lang über irgendetwas nachdenken. Wenn ich selbst kein Geräusch von mir gebe, höre ich nichts, nichts lenkt mich ab. Diese absolute Stille: Das ist meins. Ich bin kein Misanthrop – aber dicht dran. Es sind übrigens genau genommen nur 50 Meter, die uns von Brandenburg an der Havel trennen – schließlich gehört der See zum Stadtgebiet.

 

 

Als ihr 2011 hergezogen seid, warst du bereits als Autor bekannt. Wie wurdet ihr in Ketzür aufgenommen?
Die Leute kannten uns natürlich alle schon aus der Zeitung oder dem Fernsehen – taten aber erst einmal so, als wüssten sie nicht, wer wir sind, was ich irgendwie nett fand (lacht). Aber wir kannten tatsächlich niemanden. Mittlerweile ist Ketzür für uns Zuhause.

 

Wie ist der Ort ein Zuhause geworden?
Indem wir uns mit den Menschen befasst haben – und die Menschen sich mit uns. Sie haben uns ihre Türen geöffnet, aber auch gesagt: Nicht wir müssen uns auf euch einlassen, sondern ihr müsst mitmachen – nach unseren Regeln. Da war es egal, ob ich ein bekannter Autor bin oder nicht. Wenn hier jemand Hilfe beim Dachdecken braucht, dann geht man mit hin.

 

Jeans Frau Kerstin – Bauingenieurin und Jeans Literaturagentin – bringt eine Biskuitrolle und frischen Kaffee herein und setzt sich zu uns.

 

Fehlt euch die Stadt Brandenburg?

Kerstin: Manchmal fehlt mir die Möglichkeit, spontan ins Kino oder einen Wein trinken zu gehen. Ab und zu gehen wir noch abends ins Kino im Fontane-Klub, fahren zum Essen ins Totò oder gern auch ins Restaurant Malabar. Wenn wir etwas unternehmen wollen, fahren wir aber auch gern nach Berlin. Wobei wir das alles ehrlich gesagt äußerst selten machen – egal ob Brandenburg oder Berlin.

 

Warum?

Kerstin: Irgendwie ist die Schwelle, ins Auto zu steigen, größer geworden. Obwohl wir mit dem Auto von hier in die Stadt Brandenburg genau so lange brauchen wie früher zu Fuß von unserer Wohnung in Brandenburg an der Havel, die nah der Innenstadt im Stadtteil Ring lag: Man macht es einfach nicht. Vielleicht auch, weil wir einfach zehn Jahre älter und abends müde sind. Außerdem pendele ich jeden Tag nach Potsdam und will abends nicht noch einmal losfahren.

Jean: Außerdem fahren wir gern und viel Motorrad oder Fahrrad im Grünen oder machen etwas im Garten. Dienstags machen wir Yoga in Brandenburg, mittwochs fahren wir nach Päwesin zur Meditation, donnerstags schwimmen, auch unsere Enkelin wollen wir regelmäßig sehen. Da bleibt nicht viel Zeit – und die nutze ich vor allem im Winter zum Schreiben.

 

Was wünschst du dir für Brandenburg?

Ich glaube, dass wir vor allem in weichen Faktoren statt in Bauprojekten denken müssen – die sind auch wichtig, aber sind eben nur ein Part. Vor allem müssen wir mehr in unsere Kinder investieren, die ein ganz anderes Selbstbewusstsein haben als unsere Generation – mit dem sie Identität stiften und auch einfordern werden in der Stadt. Das könnte damit beginnen, dass wir beim Jazzfest wieder mehr lokale Künstler auftreten lassen. Ich wünsche mir, dass die Menschen hier mutiger, selbstbewusster werden, dass wir Identität stiften mit den Dingen, die wir selbst schaffen, statt immer auf andere zu zeigen – als Brandenburger für Brandenburg. Es hält uns ja niemand davon ab.

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