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Katharina Burges im Gespräch über das Leben Brandenburg

30.03.2019

 

Hier gibt es Bühnen für unsere Ideen

Katharina Burges

Katharina Burges war zwei Jahre alt, als sie mit ihrer Familie nach Brandenburg an der Havel zog. Die 42-Jährige wuchs als Tochter einer Regieassistentin am städtischen Theater auf. Wenige Jahre nach der Wende verließ sie die Stadt – der Musik wegen. Und kehrte 15 Jahre später – der Musik wegen – zurück.

 

Katharina, bei einem Auftritt hast du kürzlich gesagt, dass dich neben dem Studium vor allem die Suche nach dem „Wilden“ in die Ferne verschlagen hat – nach Franken zunächst. Was genau hast du gesucht?

Ich habe das Leben gesucht: Wildheit, Intensität, Verrücktheit, Emotionen – und dort tatsächlich gefunden. Ich habe an der Musikakademie in Bad Königshofen studiert – einem Ort mit nicht einmal 7000 Einwohnern. Die ersten drei Tage waren unangenehm. Aber ich habe dann innerlich Abschied von der Heimat genommen und mich auf das Wesentliche konzentriert: auf das Musizieren. Denn das wollte ich – egal wo. Außerdem waren wir nur ganz wenige Leute – und alle zugezogen. Wir haben also unglaublich schnell Kontakt zueinander geknüpft. Und als dann bei der ersten Party nicht nur alle Studenten, sondern auch alle Dozenten wild zusammen gefeiert haben, wusste ich: Hier bin ich jetzt zuhause! Es war eine tolle Zeit.

 

Du warst insgesamt 15 Jahre lang weg, hast nach Bad Königshofen auch in Dresden und Bremen gelebt. 2009 bist du nach Brandenburg an der Havel zurückgekommen. Warum?

Weil ich ein bisschen Heimat wollte. Ich habe mich weder in Dresden noch in Bremen wirklich wohlgefühlt. Als Selbständige konnte ich mir aussuchen, wo ich hingehe – und ich wollte an einen Ort, an dem ich mich auskenne. Ich wollte in dem Moment nichts Neues mehr kennenlernen, sondern mich mehr mit mir selbst auseinandersetzen. Also bin ich in die Stadt Brandenburg zurückgekommen – in die Heimat.

Dominsel mit Altbauen und Neubauten in Brandenburg an der Havel
Katharina Burges an der Dominsel sitzend
Katharina Burges Auftritt in Brandenburg an der Havel
Katharina Burges Auftritt in Brandenburg an der Havel
Katharina Burges Auftritt in Brandenburg an der Havel
Leben in Brandenburg umgeben von Wasser

Was macht dieses Gefühl von Heimat für dich aus?
Die Landschaft, Geräusche und Gerüche. Das viele Wasser, die Trauerweiden. Das Federvieh – die Spatzen und Kraniche, vor allem das Pfeifen der vorbeifliegenden Wildgänse. Und der Beetzsee – dieser Geruch von Schilf und Schlamm (lacht).

 

Das klingt nicht so richtig romantisch.
Ist es auch nicht – aber es ist mir vertraut. Hier geht es mir gut. Und wenn ich mit diesen Gerüchen im Kopf frische Wäsche aufhänge und dazu einen Kaffee trinke, ist die Welt für mich in Ordnung.

 

Wie sollte es für dich beruflich in Brandenburg an der Havel weitergehen?

Ich wollte Musik machen, Konzerte spielen – mit Leuten, die ich kenne. Und hier waren viele Leute, die ich kannte und die Musik gemacht haben. Leider habe ich sehr viele Absagen kassiert. Ich habe dann aufgehört, andere nach einer Zusammenarbeit zu fragen und einfach angefangen, alles selbst zu produzieren. Ich habe mir ein kleines Studio aufgebaut, Songs geschrieben, aufgenommen und übers Internet veröffentlicht.

 

Du arbeitest mittlerweile mit sehr vielen Künstlern hier zusammen …
Irgendwann sind die ersten Brandenburger Musiker auf mich zugekommen und wollten mit mir zusammenarbeiten – worüber ich mich sehr gefreut habe. Seitdem sind es immer mehr geworden. Ich habe viele neue Menschen hier kennengelernt, bin tief in die Kunstszene eingetaucht.

 

 

Du bringst als Musikerin in verschiedensten Konstellationen so ziemlich alles zu Gehör, was geht – Jazz, Klassik, Gospel, Musik aus den Goldenen 20ern, auch viele eigene Kompositionen. Woher schöpfst du die Inspiration für deine Programme?
Aus mir selbst – manchmal aus Wut und Zorn, aber auch aus Liebe und Sehnsucht. All das kann ich hier empfinden und rauslassen, wenn ich die Brandenburger Geräusche und Gerüche um mich habe – weil ich dann ganz bei mir bin.

 

Du hast dir Brandenburg an der Havel über die vergangenen Jahre mit großer Hingabe „ersungen“. Was an der Stadt hat dich gereizt?

Dass es hier nicht nur ehrlich begeisterte Kulturmenschen, sondern auch Spiel- und Gestaltungsraum gibt. Man kann hier einfach loslegen, weil es Bühnen gibt für die vielen Ideen, die man hat – die Theaterklause, das Paulikloster, den Gelben Salon, das Fonte. Deswegen bin ich hier.

 

Bühnen gibt es in Berlin auch.
Aber dort kommt man nicht rein. Die Kunstszene ist vielerorts ein undurchdringbarer Betonklotz. Dass die Stadt Brandenburg so klein ist, ist ihr Vorteil – zum einen weil eine gewisse Freiheit, auch eine gewisse Anarchie herrscht, die sicherlich ihre Vor- und Nachteile hat. Zum anderen gibt es hier keine Ellenbogenmentalität in der Kunstszene – das kann man sich in so einer kleinen Stadt nicht leisten. Man arbeitet hier mit- und nicht gegeneinander, was sehr meinem Wesen entspricht – das zeichnet Brandenburg an der Havel aus und das finde ich gut. Hier kann ich sein. Dieses Gefühl hatte ich in der Kunstszene in Dresden und Bremen nicht.

 

Was macht den Unterschied?
Vielleicht die Brandenburger Bodenständigkeit, dass die Kunstszene nicht abgehoben ist. Und die Ehrlichkeit und Direktheit, mit der das Publikum dir begegnet. Das mag ich sehr. In Berlin kannst du Showstricken als Kunst verkaufen – das ist in Brandenburg an der Havel anders. Ich erlebe, dass sich die Menschen hier wirklich mit ihrer Arbeit, ihrer Kunst auseinandersetzen – sich die Zeit dafür nehmen und finden. Dafür ist es in Berlin sicherlich einfacher, sich zu etablieren.

 

Fährst du oft nach Berlin?
Nicht zum Arbeiten, aber hin und wieder, um mir von außen neue Impulse zu holen. Manchmal auch nach Leipzig. Das brauche ich schon. Ich schaue mir Schauspiel und Ballett an.

 

Wo in der Stadt Brandenburg holst du dir Inspiration?
Am Mühlendamm – da sitze ich gern und trinke Kaffee, genieße den Blick auf das Schilf, die Schwäne, das Wasser, die Geräusche und Gerüche – und den Blick auf den Dom.

 

Warum hat es die Kunst in Brandenburg an der Havel schwerer?
Vielleicht, weil man hier, in dieser alten Arbeiterstadt, keine Kunst erwartet. Aber das ist ein altes Dogma, das die Stadt überwinden muss. Denn es gibt hier Menschen, die kulturell wirklich viel auf die Beine stellen – was der Stadt sehr zugute kommt, leider aber nicht unterstützt wird.

 

Was konkret würdest du dir wünschen?
Zum Beispiel die Unterstützung des Kleinkunstfestivals – das ist ja aus privatem Engagement entstanden und mittlerweile richtig groß. Es wäre auch sehr schön, wenn das Theater stärker mit den freien Künstlern hier zusammenarbeiten würde. Außerdem könnte die Stadt einzelne Künstler überregional vermitteln und sagen: Schaut, die kommen von uns, aus der Stadt Brandenburg. Das würde positiv auf die Stadt zurückfallen, weil die Leute sehen würden: Schau, da ist eine kleine Stadt, die ihre Künstler fördert; es ist grün, es ist ruhig und die Mieten sind bezahlbar – da ziehen wir hin. Ich bin grundsätzlich der Überzeugung, dass Entwicklungen von unten, von den Bürgern kommen müssen. Aber hin und wieder braucht es eben Impulse von oben.

 

katharina-burges.com

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