05.06.2019

 

Ich möchte ein Teil meiner Heimat bleiben

Linda Vierecke

Linda Vierecke wollte nie dauerhaft weit weg sein von der Heimat. So richtig zurück will die gebürtige Brandenburgerin, freie Journalistin und Gründerin des Hörspielwochenendes aber auch nicht – für die 36-jährige nicht unbedingt ein Widerspruch.

 

Linda, viele Menschen denken im Zuge der Familiengründung darüber nach, in die Heimat zurückzukehren. Du hast zwei Kinder – vier und sieben Jahre alt – und hast das nicht gemacht. Warum?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen meines Berufs wegen: Natürlich kann man auch in Brandenburg an der Havel als freie Journalistin arbeiten, aber ich darf bei der Deutschen Welle in Berlin gerade einfach viele spannende Sachen machen, bin als Reporterin in Deutschland und im Ausland unterwegs. Mein Mann – ebenfalls Freiberufler – pendelt von Berlin nach Leipzig. Unsere Tochter geht hier in einen tollen deutsch-spanischen Kindergarten, die andere auf eine schöne Kiez-Schule … Kurzum: Wir haben uns hier eingependelt mit unserem Freiberufler- und Familienleben, das viel organisatorischen Aufwand mit sich bringt – und um so ein Mikrosystem zu ändern, müsste es schon einen guten Grund geben, der für uns momentan eigentlich nur in der Arbeit liegen könnte.

 

Du berichtest als freie Journalistin unter anderem über den Osten. Warum?

Spätestens seit den letzten Wahlen gibt es ein Interesse an der Frage, was im Osten anders läuft als im Westen. Trotzdem ist in der Berichterstattung am Ende oft nur die AfD zu sehen – und das ist, finde ich, nicht das ganze Bild. Aus meiner Sicht ist der Osten total vielfältig. Gleichzeitig gibt es strukturelle Unterschiede und Gründe für die aktuellen Gegebenheiten und Tendenzen – das finde ich spannend. Wenn ich mit meinem Ost-Blick dazu beitragen kann, dass es mehr als eine Klischeeberichterstattung gibt, dann finde ich das wichtig. Außerdem wird mir da wegen meiner Herkunft eine gewisse Kompetenz zugesprochen.

 

Wirst du oft auf deine Brandenburg-Herkunft angesprochen?

Schon. Wobei interessant ist, dass ich in der Berliner Redaktion immer der „Ossi“, in Brandenburg an der Havel aber „die aus der Großstadt“ bin. Dabei sage ich das mit Stolz: Ich bin total gern Brandenburgerin. Ich fühle mich auch mehr als Brandenburgerin denn als Berlinerin – obwohl ich seit 2007 in der Hauptstadt lebe.

Was macht diesen Stolz aus?

Ich mag Brandenburg an der Havel einfach gern, die Stadt, die Menschen – es ist meine Heimat. Und ich finde auch, es ist etwas Besonderes, einen Teil der DDR mitbekommen zu haben. Auch wenn ich erst sieben Jahre alt war, als die Mauer gefallen ist: Es ist ein Teil meiner Identität.

 

Inwiefern?

Meine Eltern – mein Vater bis zur Wende Physiker im Stahlwerk, meine Mutter Lehrerin – mussten sich nach der Wende beide beruflich völlig neu orientieren beziehungsweise noch einmal studieren. Das war eine ebenso unsichere wie spannende Zeit. Ich glaube, dass wir dadurch, dass unsere Eltern sich nicht nur um uns, sondern auch um sich selbst kümmern mussten, etwas freier waren, nicht so sehr unter ihren Fittichen standen wie Kinder heut vielleicht. Sie konnten uns auch bei der Studienwahl wenig helfen – weil sie das System selbst noch nicht wirklich kannten. Wir mussten uns unseren Weg also ein gutes Stück weit selbst suchen. Dadurch habe ich gelernt, Entscheidungen zu treffen und Dinge anzupacken, wenn ich sie will. Das hat mich und auch meinen Blick auf meine Heimat geprägt. Auch dadurch bin ich – in Berlin lebend und arbeitend – mit Brandenburg verbunden.

 

Könntest du dir auch vorstellen, von Brandenburg nach Berlin zu pendeln?

Nein, ich sehe mich nicht jeden Tag im Regionalexpress nach Berlin sitzen. Für mich sind kurze Wege im Alltag ein großer Luxus – schon weil ich überzeugte Radlerin bin und noch nie ein Auto besessen habe. Das ist übrigens etwas, das ich an der Stadt Brandenburg sehr schätze: dass man überall schnell hinkommt, tatsächlich alles erradeln kann. Aber auch in Berlin bewegen wir uns mittlerweile vor allem in unserem Kiez, haben hier unseren Bäcker, unsere Lieblingsecken. Ich bin aber sehr froh, dass Berlin und Brandenburg so nah beieinander liegen und sich meine Mutter, wenn es organisatorisch eng wird, auch mal nach der Arbeit in den Zug setzen und die Kinder abholen kann – die Nähe zur Stadt Brandenburg ist für uns also schon wichtig.

 

Wie oft fahrt ihr nach Brandenburg an der Havel?

Ziemlich regelmäßig – vor allem an den Wochenenden um die Familie zu besuchen, die Kinder zu den Großeltern zu bringen oder abzuholen oder um aufs Wasser zu gehen. Ich bin an der Regattastrecke großgeworden – der Beetzsee und das Grün fehlen mir in Berlin nach wie vor sehr. Darum haben wir uns in Berlin einen Schrebergarten zugelegt – auch wenn der natürlich kein adäquater Ersatz sein kann. Brandenburg an der Havel und der Beetzsee sind ja zum Glück nur 80 Kilometer entfernt. Man muss immer Kompromisse eingehen.

 

Das heißt, dass du eine gewisse Heimat-Sehnsucht spürst?

Total – vor allem im Sommer, in dem wir früher so viel Zeit wie möglich auf dem Wasser verbracht haben. Diese Sehnsucht wird auch immer bleiben – ebenso wie die Verbundenheit, weil meine Familie dort lebt. Aber Heimat ist das eine, Freiheit das andere; und Freiheit ist für mich Berlin – ohne, dass ich meine Heimat aufgeben muss. Das widerspricht sich nicht unbedingt.

 

Was macht diese Freiheit für dich aus?

Ich liebe in Berlin die Vielfalt, die Kreativität, dass man immer Leute findet, mit denen man etwas reißen kann. Ich singe in einer Band, arbeite ehrenamtlich in einem Schüleraustauschverein, mit dem ich selbst als 16-jährige in die USA gegangen bin, und engagiere mich politisch dafür, dass Berlin fahrradfreundlicher wird. Durch solche Ehrenämter – gemeinsam an einer guten Sache, an der eigenen Vorstellung von Gesellschaft zu arbeiten – habe ich auch immer Gemeinschaft erlebt, die für mich auch Zuhause ausmacht.

 

Gibt es das in der Stadt Brandenburg nicht?

Doch, die Stadt hat viele engagierte Leute. Ich war zum Beispiel positiv überrascht, als ich gesehen habe, dass es die „Fridays for Future“-Bewegung auch in Brandenburg an der Havel gibt. Das ist toll. Aber wir brauchen noch mehr Engagement, mehr Menschen, die etwas in die Gesellschaft einbringen und sie gestalten. Erst das macht einen Ort – neben allen anderen Faktoren, die wichtig sind – lebenswert. Doch das gilt längst nicht nur für Brandenburg an der Havel.

 

Apropos Engagement: Als du 2006 in der Stadt Brandenburg das Hörspielwochenende gegründet hast, hatte sich dein Lebensmittelpunkt mit deinem Studium ja längst nach Leipzig verschoben. Warum hast du dich trotzdem in deiner Heimatstadt engagiert?

Wenn man in eine Studentenstadt wie Leipzig kommt und merkt, dass man jeden Tag zu einer Lesung, einem Open-Air-Konzert oder einem Sport-Event gehen kann: Das fand ich total inspirierend. Ich habe alles mitgenommen, was ging, auch den Hörspielsommer und dachte: Wow, so etwas braucht Brandenburg an der Havel auch – vielleicht, weil ich eine enge Verbindung in die Heimat habe und wollte, dass sich da etwas entwickelt, dass es mehr Angebote gibt. Schlussendlich hatte ich einfach Lust, mit Leuten aus der Heimat in der Heimat etwas auf die Beine zu stellen.

 

 

War es schwer, Leute zum Mitmachen zu überzeugen?

Nein. Ich habe alte Mitschüler und Freunde aus dem Sportverein zusammengetrommelt und wir haben einfach losgelegt – obwohl wir anfangs keine Ahnung in Rechtsfragen hatten oder wie viel so etwas kosten würde. Es hat einfach Spaß gemacht. Es ist für mich bis heute wie ein Klassentreffen, die alten Leute wiederzusehen und nachts, wenn alle weg sind, noch einmal die Hüpfeburg aufzupusten. Doch es ist natürlich auch Arbeit. Ich habe den Vorstand und die Organisation allerdings mittlerweile abgegeben und helfe nur noch an den Veranstaltungswochenenden selbst mit. Über die Jahre sind neue Leute hinzugekommen, haben neue Ideen eingebracht.

 

Klingt, als wäre es ein Selbstläufer gewesen.

Nein, das war es nicht. Im ersten Jahr war das Hörspielwochenende sogar sehr schlecht besucht – und verregnet. Wir hatten vielleicht 50 Besucher – die meisten davon waren Freunde von uns. Inzwischen ist die Veranstaltung aber eine Instanz und zu den Kinderprogrammzeiten kommen schon mal 400 oder auch 600 Leute in den Theaterpark. Es hat eine Weile gedauert, aber es hat sich dann irgendwie etabliert. Das ist ein bisschen typisch für Brandenburg: Die Leute kommen nicht, wenn etwas Neues da ist, sondern wenn sie schon wissen, dass es gut wird – selbst wenn es umsonst ist.

 

In den ersten Jahren fand das Hörspielwochenende auf dem Marienberg statt. Warum hattet ihr diesen Ort gewählt?

Wir sind dort früher viel spazieren gegangen und fanden den Ort einfach toll. Er liegt ein bisschen abseits und gleichzeitig mittendrin. 2013 mussten wir dann umziehen, weil auf dem Marienberg mit den Vorbereitungen für die Bundesgartenschau begonnen wurde. Mittlerweile finden wir es im Theaterpark, dem neuen Veranstaltungsort, sogar noch schöner – er liegt zentraler und wir lieben das Ambiente inmitten der vielen Schatten spendenden Bäumen.

 

Ihr hattet euch als ausrichtender Verein damals das Ziel gesetzt, mit dem Projekt die Kultur in der Stadt insgesamt zu fördern. Hat es funktioniert?

Es gibt zumindest eine Sache mehr. Ob das dazu geführt hat, dass andere Leute den Mut hatten, auch etwas auf die Beine zu stellen, kann ich nicht einschätzen. Ich glaube, es macht vielen Leuten Freude, führt sie an ein neues Medium heran – und das finde ich schön.

Wenn du heute etwas in Brandenburg anstoßen würdest: Was wäre es?
Ich glaube ich würde mich für einen autofreien Sonntag einsetzen. Wir haben zweieinhalb Jahre in Cochabamba in Bolivien gelebt. Dort gab es dreimal im Jahr einen autofreien Sonntag, an dem die Menschen als Fußgänger und Sportler die Straßen bevölkert haben – das hat ganz viel mit der Stadt und den Menschen gemacht, ihr Bewusstsein gestärkt für den Ort, an dem sie leben.

 

Könntest du dir denn vorstellen, nach Brandenburg zurückzuziehen?

Interessanterweise mache ich mir über diese Frage seit einem halben Jahr Gedanken.

 

Warum gerade jetzt?

Vielleicht sind wir da grundsätzlich etwas unkonventionell. Andere fragen sich das vielleicht, wenn sie Kinder kriegen: Wo will ich eigentlich sein, Wurzeln schlagen? Ich wollte immer Kinder – aber ich wollte auch alle anderen Sachen machen, arbeiten, reisen … Und genau das haben wir gemacht: Wir sind nach Berlin gezogen, mit unserem Baby durch Lateinamerika gereist, haben als Familie in Bolivien gelebt. Und jetzt bin ich bereit zu überlegen, wo ich irgendwann einmal nicht nur wohnen und arbeiten, sondern auch wirken und Wurzeln schlagen will.

 

In Brandenburg an der Havel zum Beispiel?

Vielleicht eines Tages. Jedenfalls fände ich es komisch, jetzt noch einmal irgendwo komplett neu anzufangen – wobei es für meinen Partner, der aus Köln kommt, natürlich ein Neuanfang wäre. Andererseits hängt das von der Idee ab, die dahintersteht: Wenn es beispielsweise ein spannendes Projekt irgendwo gibt, könnte ich mir vorstellen, irgendwann doch noch einmal ganz woanders hinzugehen. Das ist aber keine Entscheidung, die jetzt ansteht und getroffen werden muss, sondern vielmehr ein Prozess. Es ist nicht mein innigster Wunsch, nach Brandenburg zurückzukehren. Aber ich spüre eine sehr starke Verbundenheit mit meiner Heimat und möchte, dass da etwas Gutes passiert – und auch Teil meiner Heimat bleiben.

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