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René Kolldehoff – Inhaber der Theaterklause Brandenburg

11.04.2019

 

In Brandenburg entwickeln sich die Dinge gemütlicher

René Kolldehoff

René Kolldehoff gehört zum Brandenburger Stadtbild wie das Brandenburger Theater. Was die wenigsten wissen – oder schlichtweg vergessen haben: Der Mann, der seit 2005 die Gastronomie des Theaters und die Theaterklause betreibt, ist gar kein gebürtiger Brandenburger.

 

René, du bist ein echtes Berliner Original: dort geboren, aufgewachsen und geblieben – erst einmal. Was hat dich 2005 in die Stadt Brandenburg geführt?

Ich habe damals ein Restaurant in Berlin betrieben. Eines Tages kam eine Bekannte herein und sagte: „Da ist ein wunderschönes Theater in Brandenburg an der Havel – das wäre genau dein Ding.“ Aber ich wollte damals gar nicht weg aus Berlin. Wenige Monate später kam wieder jemand: „René, da ist ein wunderschönes Theater in Brandenburg …“ Beides Berliner – aber ohne Verbindung zueinander. Also bin ich nach Brandenburg gefahren, um mir das Theater anzusehen.

 

Warst du vorher schon einmal in der Stadt?

Noch nie.

 

Was hast du dir vorgestellt?

Erst einmal gar nichts – ich war neugierig. Ich kam am Bahnhof an, an dem damals noch die Plattenbauten standen, und fuhr mit dem Taxi durch die Sankt-Annen-Straße in die Stadt, wo es zu dieser Zeit ebenso düster und grau aussah – nicht schön. Aber dann sind wir in die Grabenstraße eingebogen mit ihren schönen alten, wenn auch damals noch unsanierten Häusern, sind durch den Theaterpark und schließlich durchs Theater gegangen. Auf der Hälfte der Besichtigung war für mich klar: Wenn die mich haben wollen, dann mache ich es.

 

Was hat dich überzeugt?

Mein Vater war Schauspieler – vielleicht bin ich ein Theatermensch. Ich liebe diese Atmosphäre einfach. Außerdem lief, als ich hier 2005 ankam, mit „Hänsel und Gretel“ gerade eine wirklich tolle Opernproduktion und es gab After-Work-Partys am Theater. Da war richtig etwas los. Wow! Schlussendlich passte es einfach in dem Moment: Ich wollte eine Veränderung.

Spaziergang im Theaterpark
Die Theaterklause ist Kolldehoffs Wohnzimmer
René Kolldehoff in der Küche
Blick zum Eingang des Brandneburger Theaters

Hast du selbst mal mit der Schauspielerei geliebäugelt?

Ich habe als Kind ein bisschen Theater gespielt, aber nie ernsthaft. Mein Vater wollte auch gar nicht, dass wir in seine Fußstapfen treten – er fand den Beruf zu unsicher. Ich habe dann Kommunikationstechniker und Tischler gelernt und bin erst durch einen Zufall als Quereinsteiger in der Gastronomie gelandet. Mein Vater starb, als ich 22 Jahre alt war. Zu Lebzeiten habe ich ihn immer als Vater und nicht als Schauspieler gesehen. Erst nach seinem Tod habe ich seine schauspielerische Leistung begriffen und ihm darum mein Berliner Restaurant gewidmet – unter anderem mit Kleinkunstabenden. Das „Kolldi“ war für mich der Vorläufer der Brandenburger Theaterklause – nur eben ohne Theater. Ich musste mich also gar nicht großartig verändern.

 

Dennoch hast du hier ein ganz neues Leben angefangen. In Berlin, sagt man, braucht es eine Weile, um von den Einheimischen akzeptiert zu werden. Wie war das bei dir mit Brandenburg an der Havel?

Das ging eigentlich relativ schnell. Ich glaube, die wenigsten wissen, dass ich aus Berlin komme – für die Brandenburger bin ich Brandenburger. Ich war irgendwie einfach da und habe einfach gemacht, mich angepasst.

 

War es für dich genauso unkompliziert?

Es war schon eine große Umstellung – aber das hat vor allem mit der Stadt zu tun. Berlin ist schneller, hektischer, wechselhafter. Du musst ständig gucken, wo du bleibst. In Brandenburg an der Havel entwickeln sich die Dinge gemütlicher.

 

 

Was dir gefällt – oder nicht?

Als ich hier ankam, fand ich es nervig, dass sich die Dinge so langsam entwickelt haben – es hat zum Beispiel lange gedauert, bis die Stadt schön wurde. Aus heutiger Sicht war das für Brandenburg an der Havel aber ein Segen: In Berlin wurden nach dem Krieg alle Fassaden schnell glatt geputzt. In Potsdam und der Stadt Brandenburg ist bis zur Wende nicht viel passiert – wodurch die alten Fassadenstrukturen erhalten wurden und jetzt mit einem ganz anderen Verständnis von Sanierung erneuert werden. Heute ist die Stadt eine Perle.
Als Gastronom habe ich erlebt, dass sich auch die kulinarischen Erwartungen der Menschen an Brandenburg im Laufe der Zeit verändert haben. Früher hätte ich nie ein Kalbsschnitzel auf die Karte setzen können – die Leute wollten Wiener Schnitzel oder Schweineschnitzel, ganz einfache Sachen. Und wenn sie etwas Besonderes wollten, sind sie nach Berlin gefahren. Mittlerweile geht das Kalbsschnitzel hier gut.
Und auch ich bin persönlich gemütlicher geworden. Von mir aus muss sich gar nicht mehr alles so schnell ändern – lieber gut durchdacht.

 

Du bist mit deinem Jobwechsel 2005 auch sofort hergezogen. Ist dein Heimatgefühl mit nach Brandenburg an der Havel umgezogen – oder fühlst du dich eher in Berlin heimisch?

Ich würde sagen: 50:50. Wenn ich nach Berlin fahre, fahre ich natürlich nach Hause, klar. Aber ich will da gar nicht mehr leben. Ich bin auch kaum noch in Berlin – die Stadt hat sich ja sehr verändert. Ich weiß gar nicht mehr, was da wirklich abgeht. Heimisch fühle ich mich hier, in Brandenburg an der Havel.

 

Was macht denn dieses Gefühl von Heimat für dich aus?

Ich habe hier meine Familie und meinen Laden – wobei das im Prinzip dasselbe ist. Außerdem kenne ich hier mittlerweile viele Menschen. Wie heißt es immer: Zuhause ist, wo man sich geborgen fühlt. Und das tue ich: Ich fühle mich hier geborgen – vor allem in der Theaterklause, meinem Wohnzimmer. In meiner richtigen Wohnung bin ich ja fast nur zum Schlafen (lacht).

 

Welche Orte in Brandenburg an der Havel sind neben der Theaterklause für dich wichtig?

Der Theaterpark, wo ich gern mit meinem Hund Rodney spazieren gehe – und das Wasser. Ich habe mir vor zwei Jahren ein Motorboot mit Kajüte gekauft, mit dem ich die ganze Gegend abfahre – Bollmannsruh, Kanincheninsel … Ich liebe es, da draußen zu sein.

 

Was fehlt dir in der Stadt?

Anfangs hat mir persönlich das bunte Leben gefehlt, das du in Berlin hast. Egal wann du losgehst: In Berlin ist immer etwas los. Das ist in Brandenburg an der Havel anders. Aber ich habe mein buntes Leben auch hier gefunden: in der Theaterklause. Abgesehen davon wäre es toll, wenn die Stadt etwas wegkommt vom reinen Tagestourismus und sich mehr auch auf Gäste einstellt, die mehrere Tage am Stück bleiben möchten. Das bedingt natürlich auch das Angebot an Hotels – ein Wellnesshotel zum Beispiel täte der Stadt gut. Es gibt ja Pläne, aber damit geht es nicht so richtig voran. Und es ist vielleicht auch gut, dass wir uns Zeit lassen, Projekte gut zu durchdenken, um weniger Fehler zu machen, den richtigen Ort für sie zu finden – und wir haben viele schöne Orte hier. Nur blockieren sollte man nicht.

 

Wenn du einen Wunsch frei hättest für die Stadt: Was würdest du dir wünschen?

Dass wir den Biergarten hier wiedereröffnen können. Der Platz, an dem wir das mal gemacht haben – auf der Freilichtbühne am Theater – funktioniert für uns logistisch leider nicht. Eine Terrasse am Wasser hier gleich gegenüber der Klause wäre toll – das würde das Theater und auch die Theaterklause aufwerten. Eine Idee.
Am meisten aber wünsche ich mir, dass das Theater wieder Fahrt aufnimmt. Denn wir haben ein richtig tolles Haus hier mit richtig tollen Leuten. Es ist alles da – wir müssen nur machen!

 

Könntest du dir auch vorstellen, nach Berlin zurückzugehen?

Vielleicht, wenn das Theater schließen würde und es etwas Ähnliches wie das hier in Berlin gäbe. Abgesehen davon fällt mir kein Grund ein, zurückzugehen. Klar, meine Mutti lebt dort – aber man kann ja jederzeit nach Berlin fahren, wenn man möchte, es ist ja nicht weit. Ich glaube, um in einer Stadt anzukommen, brauchst du immer ein Netzwerk aus Menschen, Bekannten und Freunden – das gilt in Berlin ebenso wie in der Stadt Brandenburg. Nur, dass du hier mehr Natur und ein schöneres Leben hast. Ich bin hier angekommen.

 

 

theaterklause.com

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