20.08.2019

 

Ich fand Karriere nie spannender als Heimat zu leben

Steffen Scheller

Steffen Scheller kam als 19-Jähriger nach Brandenburg an der Havel – und ging nie wieder weg. Angebote hätte es andernorts gegeben. Für den zweifachen Vater, der seit März 2018 als Oberbürgermeister im Amt ist, gibt es schlichtweg keinen Grund zu gehen – aber viele zu bleiben.

 

Herr Scheller, da wir mit Ihnen heute weniger über Politik, sondern vor allem über Brandenburg an der Havel als Ihre persönliche Wahlheimat sprechen möchten, würden wir Ihnen für das Interview gern das Du anbieten – per Du brandenburgert es sich leichter.

Gern. Ich stamme ja ursprünglich aus Köthen in Sachsen-Anhalt. Da ich aber mit 19 Jahren nach Brandenburg an der Havel gekommen bin, ist Köthen für mich vor allem der Ort, an dem ich geboren wurde sowie meine Jugend und Schulzeit verbracht habe. Heimat aber ist für mich die Stadt Brandenburg – geworden.

 

Was hat Brandenburg an der Havel zu deiner Heimat gemacht?

Natürlich hat mich auch die Zeit in Köthen geprägt – aber als Kind und Jugendlicher trafen meine Eltern naturgemäß die wichtigsten Entscheidungen für mich. Als ich mein Elternhaus verließ, war ich für das, was ich tue und lasse, auf einmal selbst verantwortlich; das prägt noch einmal ganz anders, intensiver, würde ich sagen – die Armeezeit auf dem Flugplatz in Briest, die Ausbildung bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse, die berufliche Entscheidung in die öffentliche Verwaltung zu gehen, hier Familie zu gründen. Schließlich machen mein Heimatgefühl auch die Menschen aus, die hier in mein Leben getreten sind: die Familie meiner Frau, die Brandenburgerin ist, Freunde, Bekannte und Kollegen – auch wenn der Kontakt zu meiner Familie in Köthen natürlich immer geblieben ist.

 

Du bist nicht ganz freiwillig nach Brandenburg an der Havel gekommen – zum Wehrdienst.

Nicht ganz freiwillig – aber auch nicht ganz unfreiwillig. Ich konnte damals angeben, wohin ich gern gehen möchte und hatte Holzdorf nahe Lutherstadt Wittenberg und Brandenburg an der Havel angegeben. Letzteres hatte schon damals eine gute Zuganbindung nach Köthen, auf dem Armeestützpunkt gab es ein Hubschraubergeschwader und ich hatte von anderen Soldaten gehört, dass das ein spannender Arbeitsbereich sei. Deswegen wollte ich hierher. Es hat geklappt – auch, weil sonst damals kaum jemand nach Brandenburg an der Havel wollte, denn die anderen Soldaten kamen nämlich nicht aus der näheren Umgebung.

 

Was wusstest du über die Stadt?

Ich wusste aus dem Schulunterricht, dass Brandenburg an der Havel neben Riesa der wichtigste Stahlstandort in der DDR ist und dass Stahl Brandenburg eine sehr gute Fußball- und vor allem auch Handballmannschaft hat – zu Köthener Zeiten spielte ich selbst Handball. Abgesehen davon hatte ich von der Stadt überhaupt kein Bild, war mit dem Zug oft durchgefahren, aber noch nie dort gewesen.

 

Erinnerst du dich noch an deine ersten Eindrücke?

Ich habe zunächst nicht viel von der Stadt gesehen: Wir wurden im Februar 1989 auf der überplanten Pritsche eines W50-Lkw hierhergebracht und sahen bei der Fahrt nur das, was sozusagen schon hinter uns lag. Später konnte ich mit dem eigenen Motorrad zwischen Köthen und Brandenburg an der Havel hin- und herdüsen. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal über Görzke, Wollin und Wilhelmsdorf in die Stadt hineinfuhr – und die heutige Ziesarer Landstraße und die Magdeburger Landstraße kein Ende nehmen wollten. So große, lange Straßen kannte ich aus Köthen nicht. Eine gigantische Stadt, dachte ich. (schmunzelt)

 

Seitdem lebst du tatsächlich ununterbrochen in der Stadt Brandenburg. Hast du an irgendeiner Stelle darüber nachgedacht, wieder wegzugehen?

Nein. Ich bin hier heimisch – und abgesehen davon, dass sich diese Frage für mich als Oberbürgermeister gerade gar nicht stellt, wüsste ich auch sonst keinen Grund dafür. Auch dass es mich einmal in die Ferne zieht, wenn ich nicht mehr Oberbürgermeister bin, kann ich mir schwer vorstellen. Das einzige, was meiner Frau als Pferdenärrin vorschweben würde, wäre das Leben auf einem Vierseithof auf dem Dorf. Aber bei Lichte betrachtet ist auch das eher ein Traum als etwas, wonach wir wirklich streben.

Wann hast du gemerkt, dass du nicht mehr wegwillst?

Immer wenn ich angesprochen wurde, ob ich mich nicht für eine Stelle in irgendeiner anderen Stadt oder Region bewerben möchte, habe ich gemerkt: Das interessiert mich eigentlich gar nicht – vielleicht auch, weil ich eine Karriere im klassischen Sinne nie spannender fand als Heimat zu leben. Das hat sicherlich aber auch damit zu tun, dass ich mit dem, was ich hier persönlich erreicht habe, ein gewisses Maß an Zufriedenheit spüre – auch wenn es immer Dinge gibt, an denen man arbeiten muss. Ich meine das eher als persönliche Haltung.

 

Von Amtswegen bist du überwiegend in der Innenstadt unterwegs. Wo in der Stadt trifft man den Privatmann Scheller sonst noch?

Natürlich ist das Rathaus für mich ein sehr wichtiger Ort, meine Arbeitsstätte. Ich gehe wirklich gern ins Rathaus, auch wenn mich unbequeme Aufgaben oder Themen erwarten. Abgesehen davon ist es schon das eigene Grundstück auf dem Görden, unser Haus, unser Garten. Da ziehe ich den Anzug aus, die Freizeitklamotten an und gehe raus, fahre Fahrrad oder baue und bastele an unserem Haus. Und weil ich dafür natürlich hin und wieder Baumaterial brauche, trifft man mich auch schon mal im Baumarkt.

 

In Bauarbeiterkluft?

Nein, die wechsle ich vorher schon gegen eine Jeans, normale Freizeitkleidung – so, wie man mich zuweilen auch in der Stadt trifft. Und wenn die Haare mal nicht liegen, setze ich ein Basecap auf. Ich werde ja trotzdem erkannt und angesprochen – und das finde ich auch schön so. Ich gehe aber auch gern mit Freunden essen. Dafür gibt es viele tolle Orte.

 

 

Wo verbringt ihr als Familie eure Freizeit?

Manchmal fahren wir nach Kützkow, wo Freunde von uns ein kleines Wochenendhaus an der Havel haben. Häufig findet man uns auch auf dem Reiterhof in Brielow oder Buckow – meine Frau und meine kleine Tochter sind Pferdefans. Meine große Tochter ist schon erwachsen, lebt in Genshagen und ist deswegen nicht mehr so oft dabei.

Ich selbst kann zwar reiten, aber ich fahre viel lieber Fahrrad, mache mit Freunden auch mal mehrtägige Radtouren. Manchmal findet man mich auch gemeinsam mit meiner Frau beim Raubfischangeln in Pritzerbe, hin und wieder fahre ich dafür auch nach Norwegen.

 

Brandenburg an der Havel ist im Zuge der Gentrifizierung Berlins immer attraktiver geworden – aber auch teurer. Wie siehst du diese Entwicklung?

Unterm Strich ist es für uns eine unglaubliche Chance. Wir haben in den vergangenen Jahren leidvoll erleben müssen, wie die Einwohnerzahl geschrumpft ist, viele junge Leute die Stadt verlassen haben – allerdings kein rein Brandenburg-spezifisches Problem. Insofern ist der Siedlungsdruck in Berlin und Umgebung eine Chance für uns.

 

Kann die Stadt den Zustrom denn bewältigen?

Es ergeben sich natürlich Schwierigkeiten, wenn man von einem Schrumpfen in ein Wachsen kommt: genug Wohnungen zu haben, die den Ansprüchen der Menschen heute gerecht werden, Kita-Angebote, Schulen, Arbeitsplätze. Es geht ja nicht nur darum, Wohnraum zu schaffen, sondern so eine Stadt als Ganzes zu begreifen. Das ist natürlich nicht nur einfach, weil viele Dinge gleichzeitig passieren müssten, die man aber nur nach und nach erledigen kann. Wir müssen immer priorisieren – und vermitteln, warum nicht alles auf einmal geht.

 

Was hat aktuell höchste Priorität?

Im Bereich Kitas und Schulen haben wir schon viel geschafft, arbeiten aber weiter intensiv daran. Was mir wichtig ist, ist die Anbindung der Stadt an die überregionalen Zentren: die bessere Vertaktung des RE1, die ja 2022 kommen wird, und der Ausbau der Autobahnanbindung. Auch wenn hier bereits viel in Gange ist, gibt es noch viel zu tun. Die aktuelle Infrastruktur ist nicht ausreichend für die Größe unserer Stadt – das wird insbesondere deutlich, wenn man sich mit denen unterhält, die hier gewerblich tätig sind. Und schließlich sollen die Leute, die bei uns leben, hier auch ihr Brot verdienen können. Das verlangt eine leistungsfähige Infrastruktur.

 

Trotzdem wünschen sich die Brandenburger auch mehr Cafés, mehr Restaurants.

Natürlich könnten wir da mehr Vielfalt haben. Zum einen aber ist die Frage, ob das Aufgabe der Politik ist – es klingt immer ein bisschen so, als müsse sich der Oberbürgermeister nur selbst hinter den Tresen stellen und Bier verkaufen, damit eine Bar- und Restaurantkultur entsteht. Zum anderen ist die Nachfrage vielleicht einfach noch nicht groß genug. Die Wirte allerdings, die da sind, machen ihre Sache offenkundig wirklich gut: Die Studenten der Medizinischen Hochschule zum Beispiel berichten, dass sie jede Bar hier kennen – und mögen. Ich habe letztens erlebt, wie den neuen Medizinstudenten, die mit der Eröffnung der Medizinischen Hochschule Brandenburg aus Neuruppin zu uns gekommen sind, von den bereits hier Studierenden der Technischen Hochschule Brandenburg enthusiastisch erklärt wurde, was man hier alles machen, erleben, wo man überall hingehen kann.

 

Was fehlt dir ganz persönlich in der Stadt?

Eine wirkliche Spitzenmannschaft im Fußball oder im Handball, mit der wir in der Zweiten Bundesliga eine gute Rolle spielen können. Damit stehe ich mit Sicherheit nicht allein. Auch wenn ich selbst eher Handballer bin, dann würde ich mir das auch für den Fußball wünschen.

Und einen weiteren Wunsch habe ich auch noch: Wir sollten alle die Schönheit und das Potenzial unserer Stadt schätzen und alle Einwohnerinnen und Einwohner sollen sich als Botschafter für das Leben in unserer Stadt verstehen.

 

Womit nur noch eines offen wäre: Haben SIE herzlichen Dank für das Interview!

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