Dorthin gehen, wo man uns mit offenen Armen empfängt

Fabian Niehaus
Fabian zog es gemeinsam mit seiner Frau Anke und den Kindern von Berlin nach Brandenburg an der Havel. Nicht nur die bisher unbekannte Stadt überraschte den gebürtigen Thüringer, sondern auch die Offenheit der Brandenburger*innen.

Lesezeit: 6 Min.

Wie wurde Brandenburg an der Havel zu eurem Lebensmittelpunkt?

Das war eine rein rationale Entscheidung: Wir wollten raus aus Berlin – aber nicht aufs Land. Wir wollten in einer Stadt leben, die eine Straßenbahn, ein Theater, ein Orchester und gute Schulen hat. Wenn man rund um Berlin guckt, ist Brandenburg an der Havel – neben Potsdam – der erste Anlaufpunkt. Doch Potsdam konnten wir uns nicht leisten.

 

Hattest du vor der Entscheidung, in Brandenburg zu leben, schon einen Berührungspunkt mit der Stadt?

Ich war zuvor nur beruflich in Brandenburg an der Havel und bin nach der Arbeit sofort wieder nach Berlin gefahren. Bevor wir hierhergezogen sind, hatten wir eigentlich nichts von der Stadt gesehen.

 

Wann genau seid ihr nach Brandenburg an der Havel gezogen – und was war der Grund dafür?

Wir sind am 1. Dezember 2020 hierhergezogen, zwei Wochen vor dem zweiten Lockdown. Berlin bot uns nicht den Raum, so zu leben und wohnen, wie wir es gern möchten. Die Wohnungen, die wir uns hätten leisten können, waren außerhalb der Stadt und irgendwie unsexy. Auch ein Leben auf dem Dorf stand allein wegen der fehlenden Infrastruktur und langen Wege nie zur Diskussion. So habe ich zu meiner Frau Anke gesagt: Wir müssen dorthin gehen, wo man uns mit offenen Armen empfängt und dorthin, wo wir mit unserem Geld reinkommen. Und das war dann Brandenburg an der Havel.

 

Du kannst dir ja alles im Leben irgendwie zusammensuchen – die Frage ist nur: Wie kommst du hin?

 

Ist es für euch wichtig, in der Innenstadt zu leben?

Ja, sehr, denn wir haben kein Auto. Im Leben kann man sich ja irgendwie alles zusammensuchen – die Frage ist nur: Wie kommst du hin? Mit alltäglichen Wegen von zwei Stunden macht es allerdings keinen Sinn. Wir brauchen kurze Wege – und das haben wir hier. 

 

Für Reisen zu weiter entfernten Zielen haben wir uns bisher ein Auto gemietet. Oder ich bin mit dem Zug gefahren, wenn ich beruflich in Süddeutschland zu tun hatte.

Gibt es Orte in der Stadt oder in der Umgebung, die dir besonders gefallen?  

Vor allem mag ich den gesamten Bereich rund um den Packhof und die Jahrtausendbrücke mit den Schwänen und Möwen. Auf dem Marienberg waren wir auch schon. Mehr kann ich gerade nicht benennen, denn die Namen der Orte in der Umgebung sind mir noch fremd. Im Moment erleben wir die Stadt jedoch recht eingeschränkt wegen des Lockdowns und des Wetters. Doch am liebsten verbringen wir den ganzen Tag draußen und lassen uns treiben.

 

Ich habe das Gefühl, wir können uns hier neu definieren, entwickeln und uns etwas aufbauen.

 

Könntest du dir vorstellen, irgendwann wieder nach Berlin zurückzugehen?

Nein. Berlin vermisse ich überhaupt nicht. Zumal ich mir ein Leben dort in 20 Jahren noch weniger leisten könnte als jetzt schon.

 

In Brandenburg fühlen wir uns in der Stadt und bei den Menschen willkommen. Ich habe das Gefühl, hier können wir uns neu definieren, uns entwickeln und uns etwas aufbauen. Als im Februar an einem Wochenende so wahnsinnig schönes, sonnig-warmes Wetter war, haben wir uns gedacht: Ja, so stellen wir uns Brandenburg vor. Die Menschen auf den Straßen waren super gemischt, nicht so „upper class“ wie im Prenzlauer Berg, wo alle Englisch sprechen. Hier werden alle abgeholt.

 

Hast du schon eine Idee, wie sich der Sommer gestalten lässt?

Wir haben große Lust, die Wasserwege und die Seenlandschaft zu erkunden. Unser Sohn möchte unbedingt angeln – Brandenburg ist ja sehr anglerfreundlich. Wir haben überlegt, dieses Jahr einen der Campingplätze in der Region auszugucken und dort Urlaub zu machen.

 

Und ein drittes Kind steht an! Wie haben sich eure Kinder nach dem Umzug im neuen Zuhause eingegliedert? Fühlen sie sich wohl?

Als Erstes haben wir die Katholische Gemeinde kontaktiert und darüber Kindergartenplätze für beide Kinder erhalten. Die Kleine hat sofort einen festen Platz bekommen und unser Großer wurde als „Gastkind“ aufgenommen.

 

Dann haben wir versucht, unser Leben aus Berlin 1:1 zu übertragen. Das hat bedeutet: Unser Sohn musste beim Schlagzeugunterricht und im Sportverein angemeldet werden und wir gehen in die Kirche. Das hat alles gut funktioniert. Bald haben Leute aus dem Fußballverein bei uns geklingelt und gefragt: „Wie geht´s euch eigentlich? Wir wissen, dass ihr neu hier seid. Können die Jungs miteinander abhängen?“ Damit hätten wir niemals gerechnet. Und als ich angefangen habe, auf Instagram Brandenburg-Content zu posten, kam Robert Heimann auf mich zu und sagte: „Ich finde es sympathisch, was du machst und würde dir gern eines meiner Bilder geben“. Dass die Brandenburger so offen sind, damit haben wir nicht gerechnet – definitiv nicht!

 

Fühlst du dich als Berliner oder Brandenburger?

Ich bin Europäer, ohne Zweifel. Ich würde aber gern Brandenburger werden. Hier Liebe reinzustecken und mich mehr mit den Menschen auseinanderzusetzen, das kann ich mir vorstellen. Ich möchte wissen, wer hier lebt und was die Leute machen. Im Moment bin ich dankbar, dass wir hier Gäste sind und aufgenommen wurden.

 

Ich bin Europäer, ohne Zweifel. Ich würde aber gern Brandenburger werden.

Bist du auch beruflich angekommen in der Stadt?

Ich arbeite auf vielen unterschiedlichen Ebenen. Vor Corona habe ich für Sony Kameras verkauft, auf Messen gearbeitet, auf Hochzeiten fotografiert, Kamerakurse gegeben und Porträts gemacht.

 

Als Fotograf bin ich in hohem Maße auf Socializing angewiesen. Das ist mit dem Wegzug aus Berlin komplett weggebrochen. So haben wir – mein Partner Martin und ich – uns aufgerafft und uns ein Konzept überlegt, um auf uns aufmerksam zu machen. Ich habe begonnen, einen Instagram-Account aufzubauen, um mich mit den Menschen zu vernetzen. Und wir haben ganz offen gesagt: „Wir sind die Neuen hier“.

 

Du bringst noch einen weiteren, spannenden Hintergrund mit. Erzählst du uns davon?

Ich bin Baujahr 1981 und in Weimar, nahe Buchenwald, aufgewachsen. Vierzig Jahre vor meiner Geburt sind dort die größten Verbrechen der Geschichte passiert. Vor diesem Hintergrund war es mir wichtig, mich auch nach der Schule damit auseinanderzusetzen. Ich habe Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Jüdische Geschichte studiert. Das ist, was mir am meisten am Herzen liegt.         

 

In Brandenburg gibt es den Raanana e. V., der die internationale Verständigung im Sportbereich fördert. Zudem gibt es eine Jüdische Gemeinde in der Großen Münzenstraße und einen regen Austausch mit Israel über einen Fußballverein und die Stadtverwaltung. Kannst du dir vorstellen, deine Arbeit in Brandenburg an der Havel fortzuführen oder dich einzubringen?

Wie man mit dem, was zwischen 1938 und 1945 passiert ist, umgeht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist Antisemitismus ein schwerwiegendes Thema. Es gibt nichts Schlimmeres, als die Vorstellung, dass das, was damals in Deutschland passiert ist, in irgendeiner Form noch einmal passiert. Da muss man schauen, was jeder dazu beitragen kann – auch wenn es nur der Beitrag ist, dass man sich gut informiert und weiß, wie die Faktenlage ist.

 

Ich bin gern da, um mit den Leuten zu reden oder etwas zu machen. Doch es ist ein heikles Thema und ich werde niemandem meine Themen aufdrücken – alles kann, nichts muss.

 

Gibt es aus deiner Sicht noch etwas, das in Brandenburg an der Havel fehlt?

Das ist zwar klischeemäßig, aber wir hätten gern einen Bio-Supermarkt um die Ecke oder eine Markthalle. Vielleicht bin aber auch zu neu, um das sagen zu dürfen. Eigentlich ist alles da. Das Essen ist allerdings entweder sehr gut oder sehr schlecht, oder hochpreisig, aber zu steif. Guter Kaffee wäre auch toll. Und mehr Klamottenläden und Geschäfte, die individuell und mit Herz gestaltet sind, doch nicht überteuert.

 

Seitdem wir hier wohnen, haben wir kaum etwas bei Amazon bestellt, weil wir alles hier kaufen konnten. Doch ein Lieferservice für Lebensmittel und Getränke fehlt in der Stadt – und Carsharing, Bikesharing und ein Rolleranbieter. Auch eine gute Weinhandlung wäre super. Aber eigentlich ist wirklich alles da.

 

Seitdem wir hier wohnen, haben wir kaum etwas bei Amazon bestellt, weil wir alles hier kaufen konnten.

Wenn du einen Wunsch frei hättest für die Stadt Brandenburg – welcher wäre das?

Was mir wirklich wichtig ist: Dass die Stadt es hinbekommt, das soziale Gefüge, so wie es jetzt ist, zu erhalten. Berlin hat das verpasst.

Brandenburg an der Havel kann noch für ein gleichmäßiges soziales Geflecht sorgen, wo ALLE im Boot sind. Hier sind die Mietpreise noch (grob) für alle machbar. Das ist eine Chance für die Stadt und dessen muss die Stadt sich bewusst sein.

 

Wenn ein Hype des Zuzugs entsteht, werden wir uns gegenseitig gentrifizieren. Das bereitet mir Sorge. Ich möchte meinen Kindern den Luxus gönnen, dass sie von der 1. bis zur womöglich 12. Klasse in derselben Wohnung mit demselben sozialen Umfeld und denselben Leuten in der Straße aufwachsen können. Ich hoffe, dass die Investoren, die es hier gibt, ein Gefühl dafür entwickeln, Geld zu verdienen und zugleich sozial verträglich zu sein. Das ist auf jeden Fall machbar – man muss es nur wollen und von Seiten der Stadt lenken und begleiten.

24.03.2021