Eine Hommage an die Europakurve


In Brandenburg gab es eine Kurve, die Jugendlichen auf motorisierten Zweirädern die höchste Form der Beglückung verschaffte: Sie ermöglichte es Moped- und Motorradfahrern, eine Schräglage zu erreichen, die zu Fußrastenfunkenschlägen führte. Ohne die Brücke des 20. Jahrestags der DDR hätte es diese Kurve nicht gegeben.

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Europa ist in Brandenburg?

 

Mit dem Bau der Brücke wurde in kürzester Zeit ein Bauwerk höchster Ingenieurskunst geschaffen, die bei den Brandenburgern Euphorie auslöste. Im Volksmund nannte man die dazugehörige steil herabführende Straße ‚Europakurve‘. Ein Name, der den Stolz der Brandenburger zeigte: Genau so stellte man sich ein modernes Bauwerk in Europa vor.

Die Kurve diente zudem der verkehrlichen Erschließung des Altstadt-Bahnhofs und war im Projekt zur Planung der Brücke des 20. Jahrestags der DDR enthalten. Ursprünglich umspannte die Kurve einen Halbkreis und glich einer Haarnadelkurve aus dem Rennsport. Der Oberbau war in Kleinpflaster (wie in der Zanderstraße) ausgeführt. Im Zusammenhang mit dem Anschluss an den Zentrumsring wurde die ursprüngliche Kurve halbiert und in den heute bekannten Zustand versetzt.

 

 

Das Brandenburger Wirtschaftswunder

 

In den Ausläufen der Wirtschaftswunderzeit der DDR wurde die Brücke des 20. Jahrestags der DDR in Rekordzeit, in gerade einmal 16 Monaten, errichtet und am 4. Oktober 1969 eröffnet. Seit dem Zeitpunkt verband die Brücke nicht nur die Altstadt und den Quenz miteinander, sondern verkürzte auch den bis zu 10.000 Arbeitern des Brandenburger Stahlwerkes den Arbeitsweg. In Brandenburg wurde gemunkelt, dass die Brücke nur gebaut worden wäre, „weil der Generaldirektor nicht mehr im Stau stehen wollte.“ Denn schon damals war das Verkehrsaufkommen durch den Individualverkehr, der Straßenbahn und der Eisenbahn auf der ehemaligen Reichsstraße 1 enorm und wurde zusätzlich durch lange Staus an den Bahnschranken am Bahnhof Altstadt verdichtet.

 

 

Umgehungsstraße B1 + B102

 

Neben dem Bau der Brücke trug auch die Umgehungsstraße zu einer Entlastung des Innenstadtverkehrs bei. Die Pläne zur Entlastungsstraße stammten bereits aus der Weimarer Republik und wurden Ende der 1980er Jahre umgesetzt.

Die damalige Reichsstraße 1, die von Königsberg nach Aachen führte, verlief in Brandenburg an der Havel ursprünglich direkt durch die Innenstadt über den Neustädtischen Markt und den damaligen Puschkinplatz (heute: Nicolaiplatz). Mit dem Bau des Zentrumrings wurde durch die Bundesstraßen B1 und B102 der Verkehr um die Innenstadt herumgeleitet. Die gemeinsame Verbindung der beiden Bundesstraßen endete (oder begann) ebenfalls an der Europakurve. Hier führte die Zanderstraße – über die Europakurve – die Bundesstraße 1 wieder auf ihren ursprünglichen Weg zurück.

Die Europakurve in der Planung, Kulturspiegel 10/69

Die Europakurve in der Planung, Kulturspiegel 10/69

Blick von der Magdeburger Straße, Februar 2021

Blick von der Magdeburger Straße, Februar 2021

Straßenbahn bei der Einweihung am 4. Oktober 1969, © Stadtmuseum Brandenburg

Straßenbahn bei der Einweihung am 4. Oktober 1969, © Stadtmuseum Brandenburg

Übergang nur noch für Fußgänger möglich, Februar 2021

Übergang nur noch für Fußgänger möglich, Februar 2021

Unterhalb der Brücke, Februar 2021

Unterhalb der Brücke, Februar 2021

Einweihung der Brücke am 4. Oktober 1969, © Stadtmuseum Brandenburg

Einweihung der Brücke am 4. Oktober 1969, © Stadtmuseum Brandenburg

Umgehungsstraße mit Blick auf die Brücke des 20. Jahrestages der DDR, Februar 2021

Umgehungsstraße mit Blick auf die Brücke des 20. Jahrestages der DDR, Februar 2021

Beginn des Rückbaus, Mai 2021

Beginn des Rückbaus, Mai 2021

Umgehungsstraße mit Blick auf die Brücke des 20. Jahrestages der DDR

Umgehungsstraße mit Blick auf die Brücke des 20. Jahrestages der DDR

Fußgängertreppe, Februar 2021

Fußgängertreppe, Februar 2021

Die Hohlkasten-Konstruktion der Brücke war jahrelang mit Wasser gefüllt, Mai 2021 © Andrei Walther

Die Hohlkasten-Konstruktion der Brücke war jahrelang mit Wasser gefüllt, Mai 2021 © Andrei Walther

Fußgängertreppe, Mai 2021

Fußgängertreppe, Mai 2021

Reifengummi dient zur Abfederung bei der Sprengung, Mai 2021

Reifengummi dient zur Abfederung bei der Sprengung, Mai 2021

Temporärer Überbau für die Lagerung schädlicher Reste der Brücke nach dem Abriss, Mai 2021

Temporärer Überbau für die Lagerung schädlicher Reste der Brücke nach dem Abriss, Mai 2021

Ansicht der Brücke nach der Sprengung, Mai 2021

Ansicht der Brücke nach der Sprengung, Mai 2021

Blick auf die Brücke nach der Sprengung, Mai 2021

Blick auf die Brücke nach der Sprengung, Mai 2021

Die entgleiste Straßenbahn

 

Hauptverkehrsmittel in den 1960ern waren die Straßenbahn und das Rad. Die Überlegung der Stadt Brandenburg 1966–1967, den Straßenbahnverkehr zum Quenz mit dem Bau der Brücke einzustellen, widersprach den Erkenntnissen der Generalverkehrsplanung der DDR. Straßenbahnen waren und sind robust und sie können viele Personen transportieren. Somit blieb die Straßenbahnstrecke zum Quenz den Brandenburgern erhalten. In Erinnerung wird der Tag auch vielen bleiben, weil auf der Rückfahrt von der Einweihungsfahrt die Bahn prompt entgleiste. Das Ereignis sollte für diejenigen nachvollziehbar sein, die jemals mit der Bahn über die Schlangenlinien der Brücke gefahren sind. Allerdings ist die Führung der Linien den Anordnungen der Haltestellen geschuldet, um Überbaubreite einzusparen.

 

 

Abschied von der Europakurve

 

Mit dem Abriss der Brücke des 20. Jahrestages der DDR wurde der Europakurve die Daseinsberechtigung ebenfalls entzogen. Anfang 2021 begann der Rückbau der Kurve. Bis Mitte des Jahres erfolgte der Teilabriss der Brücke und mündet in der Sprengung der Brücke am 19. Mai 2021.

Mit diesem Beitrag verabschieden wir uns von einem Monument der DDR-Baugeschichte in Brandenburg an der Havel. Der Name ‚Europakurve‘ repräsentierte zu Recht den Stolz der Brandenburger zur damaligen Zeit und verdiente mit dem opulenten Bauwerk den Bezug zu Europa.

 

 

Epilog

In den Jahren 1969 bis 1993 verkürzte die Brücke täglich bis zu 10.000 Beschäftigten des Stahl- und Walzwerkes den Arbeitsweg und lotste 1986 zum UEFA Cup zwischen dem BSG Stahl und dem IFK Göteborg etwa 18.000 Besucher in das Stahl-Stadion. Als Bestandteil der B1 war sie eine wichtige Verkehrsanbindung zwischen den Ländern Brandenburg und Sachsen-Anhalt, entlastete die Straßen, verband Stadtteile und machte aus dem Quenz ein attraktives, stadtnahes Wohngebiet. Derzeit wird über sie als Schrottbrücke berichtet, da sie das Leben derer, die auf diese Verkehrsanbindung angewiesen sind, auf den Kopf stellt. 
Der in der Brücke verbaute Spannstahl ist nach heutigen Kenntnissen spannungsrissgefährdet. Aufgrund der Legierung und des Einwirkens von schädlichen Tausalzen kam es innerhalb der eingebauten Hohlkästen und im Spannstahl zu Rissen. Infolge des fortschreitenden Stadiums ist ein Abriss der Brücke am 19. Mai 2021 unumgänglich. Was die Brücke des 20. Jahrestages der DDR wirklich geleistet hat, zeigen die verkehrlichen Herausforderungen, die bereits mit den Vorbereitungen zum Abriss und der Sprengung einhergehen. Ähnlich wie vor 1969 stehen wir bis zur Fertigstellung der neuen Brücke stadtteilfüllend im Stau und nehmen weite Umwege in Kauf, da wir eines schmerzlich vermissen: die Brücke.

 

 

Wir bedanken uns für das Gespräch bei:

Marius Krohn, Museumsleiter vom Industriemuseum Brandenburg; Peter Reck, Leiter Tiefbauamt der Stadt Brandenburg an der Havel; Dipl.-Ing. Olaf Fischer, Ingenieurgesellschaft Fischer mbH; Sven Rosenow, Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg, Andrei Walther
und für die historischen Abbildungen beim Archiv des Stadtmuseums Brandenburg an der Havel, Museum im Frey Haus