Unsere Zukunft sehen wir in und um Brandenburg

Carl, Anton, Mia, Björn & Karla
Ein Brett mit vier Rollen – viel mehr brauchen junge Brandenburger Skater nicht, um glücklich zu sein. Oder doch?

Lesezeit: 8 Min.

Christian Heise vom Never Enough Streetstore in Brandenburg an der Havel kennt viele Skater in der Stadt. Er hatte die Idee, junge Skater zu Wort kommen zu lassen. Also trafen sich Carl (10 Jahre), Anton (16 Jahre), Björn (21 Jahre), Mia (19 Jahre) und Karla (19 Jahre) zu einem lockeren Gespräch. Sie kommen aus unterschiedlichen Ecken der Stadt Brandenburg, das Skaten vereint sie. Björn ist Tischler und hat seine Lehre bereits abgeschlossen. Karla und Mia sind seit Schulzeiten befreundet, Mia ist die Freundin von Björn. Anton und Carl gehen noch zur Schule und sind Brüder.

 

Carl, du bist der Jüngste in der Runde und skatest seit zehn Monaten. Wie lange seid ihr anderen bereits rollend unterwegs?

Mia: Erst seit April, durch die viele Freizeit aufgrund von Corona. Über Freunde sind Karla und ich zum Skaten gekommen. Irgendwann dachten wir uns, dass wir nicht immer nur danebensitzen müssen. Wir haben uns die Skateboards ausgeliehen und es erst einmal probiert.
Anton: Ich habe vor zwei Jahren gemeinsam mit Kumpels angefangen. Einer von ihnen hat anfangs zu mir gesagt, dass ich nicht skaten kann. Ich habe trotzdem weiter gemacht. Inzwischen bin ich sogar etwas besser als er. Und wir skaten immer noch zusammen.

Mein erstes Board war aus dem Supermarkt.

Wo wart ihr als Erstes unterwegs?
Karla: Ich war ein paar Tage vor Mia das erste Mal skaten, mit einer Freundin und meinem Freund. Wir sind Richtung Klein Kreutz rausgefahren, entlang eines Fahrradweges. Dort war es menschenleer. Danach war ich mit Mia und anderen auf dem Marienberg. Erst nach ein paar Tagen habe ich mich zur Undine getraut. (Anm. der Redaktion: Die Skulptur der Meerjungfrau Undine ist ein beliebter Treffpunkt der Skaterszene in der Brandenburger Innenstadt.) Man sollte ruhig dahin gehen, wo auch andere skaten.

 

Welches Schlüsselerlebnis hat dich zum Skaten gebracht, Björn?
Björn: Ich habe immer die abgetragenen Klamotten von meinem vier Jahre älteren Bruder bekommen, und irgendwann auch sein Skateboard. Da war ich zwölf. Eine Zeit lang bin ich mit einem Kumpel gemeinsam gefahren, doch irgendwann habe ich aufgehört. Ich hatte das Gefühl, ich trete auf der Stelle. Erst seit Mia aktiv ist, bin ich es auch wieder.

 

Carl, bist du auch über deinen Bruder zum Skaten gekommen?
Carl: Schon, ja. Jetzt sind Anton und ich oft zusammen unterwegs.
Anton: Aber er hat keine abgetragenen Sachen bekommen.
Björn: Sei froh, mein erstes Board war aus dem Supermarkt – schrecklich.

Wo skatet ihr am liebsten?
Anton: An der Undine und am Hauptbahnhof bei den zwei kleinen Stufen.
Mia: Am Hauptbahnhof wird man aber oft verscheucht.
Anton: Eigentlich fast immer.
Karla: Das reizt mich ja dann gar nicht. Ich möchte lieber meine Ruhe, will fahren und mich ausprobieren.

 

Am Packhof und vor dem Hauptgebäude des Hauptbahnhofes – das sind keine offiziellen Locations oder Skateparks …
Anton: Wenn es nichts gibt, muss man sich eben etwas suchen.
Björn: Aber es gibt ja einen Skatepark in Hohenstücken. Wenn man schon geübt ist, geht es dort irgendwie. Doch da sind teilweise zwei Zentimeter hohe Absätze vor den Rampen. Wenn du runterfährst, bleibst du unten sofort stehen und packst dich hin.
Anton: Ja, das sind Selbstmordrampen aus Beton.
Björn: Für BMXler sind die super, sie nutzen das Angebot in Hohenstücken.
Karla: Jedes Mal so weit fahren, wenn die Undine doch um die Ecke ist!?
Mia: An der Undine ist gefühlt der Mittelpunkt der Stadt.
Karla: Brandenburg ist ja nicht so groß, da gehört viel zur Mitte, auch der Humboldthain und der Marienberg. Wir sind aber oft bei der Undine, machen dort Picknick, treffen Freunde. Abends bin ich lieber auf dem Marienberg – auf den Steintreppen am Aufgang zur Friedenswarte. Da wird sich ein bisschen mehr um das Gelände gekümmert. Es ist schade, dass es am Packhof, rund um die Undine, keine schöne Wiese gibt, wo man sich einfach mal hinlegen und entspannen kann.

Beim Skaten sind alle gleich.

Ist die Skater-Szene in Brandenburg an der Havel zugänglich, auch für Anfänger?
Björn: Die Skater-Szene ist im Allgemeinen sehr offen und das wissen alle Skater. Deshalb ist es durch einen Umzug oder so nicht schwer anzukommen. Alles ist eher locker.
Anton: Beim Skaten sind alle gleich. Egal, wo man herkommt oder wie man aussieht.
Karla: Und man hat direkt ein Thema: Was kannst du? Was kann ich? Hast du einen Tipp?

 

Was war euer bester Skate-Moment bisher?
Mia und Karla: Der erste Ollie, ein Klassiker.

 

Bei einem Ollie springt der Skater aus der Fahrt heraus mit dem Board ab, die Räder sind kurz in der Luft und man landet wieder …
Carl: Ja, so … (Er holt sein Finger-Skateboard aus der Tasche und zeigt den Trick.) Das sieht total einfach aus, ist aber super schwer. Ich kann nachvollziehen, dass man darüber so glücklich ist. Bisher habe ich erst einen Ollie geschafft.
Anton: Für meinen ersten Ollie habe ich sechs Monate gebraucht.

 

Ein halbes Jahr üben, da kann man irgendwann verzweifeln. Wie lange habt ihr gebraucht?
Mia und Karla: Drei, vier Wochen. Wir haben aber intensiv geübt, haben andere Skater beobachtet, uns von ihnen Tipps geben lassen – und wir hatten gute Trainer.
Anton: Genau. Meine Ollies wurden besser, weil ich Kumpels zugesehen habe und mir dadurch klar wurde, was ich anders machen muss. Man wird besser, wenn man mit Leuten fährt, die etwas können.

Für meinen ersten Ollie habe ich sechs Monate gebraucht.

Habt ihr neben dem Skaten eine weitere Leidenschaft?
Anton: Angeln habe ich vor Kurzem wieder für mich entdeckt. Nächsten Monat werde ich die Prüfung für den Fischereischein ablegen. Dann darf ich alles legal angeln. Ach so, und ich fotografiere gerne – nebenbei. Seit letztem Jahr habe ich mit einem Kumpel den Instagram-Account @skatebranne. Im Rahmen der Creative Days verkaufen wir die Bilder erstmals.
Mia: Ich habe zusammen mit meiner Zwillingsschwester ein Pony, seit unserem elften Lebensjahr. Sie reitet weiterhin regelmäßig, ich weniger. Die viele Zeit im Stall, das ist gerade nicht mehr ganz so meins. Aber im Herzen bin ich Pferdemädchen geblieben.
Karla: Generell mache ich gern Sachen selbst. Ich bastle gern, in letzter Zeit habe ich viel geknüpft. Und ich koche oft, probiere viel aus. Im Sommer macht sich ein kalter Glasnudelsalat mit Tofu ganz gut. Gestern habe ich Sushi aus Seitan gemacht.
Björn: Ich mache ganz gern Musik, komme nur zu wenig dazu. Angefangen habe ich mit einem Kumpel, später habe ich allein weitergemacht. Doch wenn man von früh bis spät arbeitet und die Freundin auch noch Zeit vereinnahmt … (lacht)

 

Welche Art von Musik machst du?
Björn: Elektronische Musik am Computer, ich habe eine kleine Drum Machine und ein Keyboard.

 

Carl, was ist mit dir?
Carl: Ich zaubere gern, schaue mir Tricks auf Youtube an und versuche sie nachzumachen.

 

Ist Zocken für euch ein Thema?
Alle: Ja, schon.
Björn und Mia: Wir spielen gern ein Wild-West-Rollenpiel im Online-Modus.
Karla: Während Corona habe ich FIFA gezockt.
Anton: Ich spiele Verschiedenes auf der PS4.
Carl: Ich spiele Minecraft und Fortnite. Seitdem ich skate, zocke ich aber viel weniger.

 

Brandenburg ist meine Heimatstadt und wird mein Heimathafen bleiben.

Mia und Karla, ihr habt vor einem Jahr zusammen Abitur gemacht. Wo seht ihr eure Zukunft?
Karla: Ich habe gerade ein FSJ (Anm. d. Red.: Freiwilliges Soziales Jahr) gemacht und möchte jetzt Sonderpädagogik studieren. Wo, da lasse ich mich überraschen. Ich würde aber lieber hierbleiben.
Mia: Ich werde Agrarwissenschaften studieren. Hoffentlich in Berlin, sonst in Magdeburg. Ich möchte in der Nähe von Brandenburg an der Havel bleiben. Aus der Stadt wegzuziehen ist gerade keine Option für mich. Später möchte ich mit Björn zusammen auf einem eigenen Hof leben, dann werde ich auf jeden Fall Pferde halten.

 

Wo seht ihr euch in zehn Jahren?
Björn: Auf unserem Bauernhof. Kein Witz. Gern in der Umgebung. Brandenburg ist meine Heimatstadt und wird mein Heimathafen bleiben.
Anton: In ein paar Jahren sollte ich von zu Hause ausgezogen sein, studieren, einen Job haben, vielleicht als Grafiker. Oder ich werde Pro-Skater. Dann mache ich #skatebranne noch größer.
Carl: Ich sehe mich irgendwann auf der Bühne und begeistere mit Zaubertricks.

 

Reizt euch Berlin gar nicht?
Anton: Ich war in den letzten Wochen dreimal in Berlin und Potsdam – zum Skaten, einmal zum Shoppen.
Mia: Ich hatte die Aussicht, in Berlin zu wohnen. Diese Möglichkeit habe ich aufgrund anderer Pläne jedoch nicht weiter verfolgt. Darüber bin ich froh. Meine Eltern wohnen jetzt in Berlin. Es ist so groß, man kann so viel tun, aber irgendwie ist es mir zu viel.
Karla: Mit 16, 17 wollte ich in Berlin leben wegen der besseren Infrastruktur und der vielfältigeren Angebote z. B. zum Feiern oder auch kulinarisch. Berlin bietet dir immer eine Alternative an Locations. Doch letztlich bleibt man in seinem Kiez. Wenn man in Friedrichshain wohnt, wird man wohl kaum nach Spandau fahren, um dort ins Kino zu gehen. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es so viel Schönes in der Stadt Brandenburg gibt.

Mia: Und zum Feiern gehen wir gern gemeinsam ins HdO (Anm. d. Red.: Haus der Offiziere).

Wir brauchen generell mehr Mülleimer in der Stadt.

Stört euch etwas an Brandenburg?

Mia: Menschen, die die Stadt zumüllen.
Karla: Glasscherben an den Stränden der Stadt … Fast jeder hier hat schon Erfahrungen mit Glasscherben gemacht. Meine Fußsohle musste vor Jahren genäht werden.
Anton: Bei mir wurde die Wunde zugeklebt. Mein großer Zeh war aufgeschnitten. Ist am Grillendamm passiert.
Carl: An der Malge muss man auch aufpassen.
Mia: Und an der Regattastrecke.

 

Was kann die Stadt dagegen tun?
Mia: Es fehlen einfach Mülleimer an den Plätzen, über die wir gerade gesprochen haben. Wir brauchen generell mehr Mülleimer in der Stadt.
Björn: Und Aufklärung, vielleicht in Form einer Kampagne.
Anton: Das beginnt mit der Erziehung. Wenn Kinder so aufwachsen, dass man die McDonald’s-Tüte einfach irgendwo hinschmeißt, nehmen sie das natürlich mit. Es muss ein Umdenken stattfinden.
Karla: An der Wilhelmsdorfer Brücke hat mal eine Oma zu ihrem Enkel gesagt, es könne seine Cola-Dose ruhig ins Wasser werfen. Völlig irre.

 

Was würdet ihr euch sonst noch von der Stadt oder für die Stadt wünschen?
Karla: Einen Unverpackt-Laden! Da ich gern koche, spielt das Einkaufen eine große Rolle. Ich möchte mit gutem Gewissen einkaufen und bin bereit, dafür auch mehr auszugeben. So wie in dem kleinen Bioladen nahe dem Neustädtischen Markt, der ist super.
Mia: Die Stadt sollte attraktiver werden für die Jugend.
Anton: Und Subkulturen fördern.

 

Wir danken euch!

(Carl macht zum Abschluss einen Karten-Zaubertrick.)

 

Der Fotograf Kay Hesky hat acht junge Skater und Christian Heise anlässlich der European Freestyle Skateboarding Championships, die vom 4. bis 6. September 2020 zum zweiten Mal in Brandenburg an der Havel veranstaltet werden, porträtiert. Zehn Bilder werden im Rahmen der „Creative Days“, die parallel zum Skatecontest stattfinden, im Industriemuseum Brandenburg an der Havel gezeigt.

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